Gentrifidingsda in Leipzig

Endlich ist die unsägliche Gentrifizierungsdebatte auch in Leipzig angekommen und man muss nicht mehr neidisch nach Hamburg oder Berlin blicken. Doch während es in den beiden genannten Städten, neben der üblichen Kiezromantik, auch um allgemeine Stadtteilaufwertung geht, beschränkt man sich hier auf ersteres. So werden im alternativen Stadtteil Connewitz unansehnliche Stadthäuser mittels Farbattacken noch unansehnlicher gemacht und die Immobilienfirma Hildebrandt und Jürgens zum Kiezkiller stilisiert. Das mittlerweile von H & J verkaufte Mehrfamilienhaus in der Wolfgang Heinze- Ecke Mathildenstrasse, dass nach zehn Jahren Leerstand und Verfall renoviert wurde, war bisher das bekannteste Streitobjekt der Abwertungsaktivisten. Regelmäßig wurde es Ziel von Angriffen. Höhepunkt der Auseinandersetzungen: Der private Sicherheitsdienst von H & J überwältigte einige Stencil-Aktivisten und übergab sie der Polizei. Daraufhin gab es eine Demo, an der sich ca. 100 Menschen beteiligten und zu besagtem Haus in der Mathildenstrasse zogen.
Nachdem auch das frisch renovierte Vorderhaus des Alternativen Zentrums Conne Island mit zwei Farbbeuteln versehen wurde, sah sich das Conne Island-Plenum gezwungen zu den Vorfällen Stellung zu nehmen. Die Antwort der Adressaten erfolgte prompt in Form eines Flyers, den ich hier dokumentieren will:

Tanzschuppen zu Autonomen Zentren
(Antwort auf „…saving the scene from the forces of evil“ aus „Cee IEH # 190″)

Liebe Conne Island-Menschen,
wir verstehen euren Unmut, denn er ist Anbetracht eurer Veranstaltungen, eures Selbstverständnisses und der allgemeinen Entwicklung, allzu logisch und konsequent. Wenn Farbbeutel gegen eure Räumlichkeiten fliegen, ist der Grund genauso offensichtlich wie bei dem Haus in der Wolfgang Heinze-Str. mit dem ihr ja soviel Mitgefühl empfindet wie ihr schreibt. Ihr benennt das Problem auch in eurem Text: Gentrifzierung. Und wer hätte es gedacht? Auch ihr fördert die Gentrifizierung in einem Stadtteil, in dem ihr schon längst mehr als entbehrlich seid wie der Inhalt eures Textes auf´s Neue beweist. Niemand hat Lust für eure Schicki-Micki-Yuppie-Partys in euren Lokalitäten 20 Euro oder mehr auszugeben.
Und was passiert beispielsweise mit den Menschen, die kein Geld für eure Veranstaltungen haben? Nichts anderes als bei der Wohnungspolitik von Hildebrandt&Jürgens: Wer kein Geld hat, wird ausgeschlossen. Und so tummelt sich auf euren Veranstaltungen kein selbstbestimmtes Publikum als Gegenkultur, sondern ein apolitisches Klientel, was sich auf blinden Konsum auf euren Events beschränkt hat und, was für euch sehr relevant ist, das nötige Geld dafür mitbringt. Die Sanierungen eurer Lokalitäten, damit sich die konsumierende Masse bei euch auch wohlfühlt, denn schließlich erwarten sie was vom vielen Geld, was sie euch nur so herantragen, gerät dabei zur Randerscheinung. Der Begriff der Aufwertung spielt dabei eine entscheidende Rolle, denn jeder Farbbeutel und jeder Stein gegen solche Objekte tragen zur Abwertung bei. Wir wollen unkommerzielle Freiräume für alle und keine hippen, trendigen, teuren und apolitische Locations für Yuppies, die sich alternativ fühlen! Emotionen auf politischer Ebene sind notwendig und euch völlig abhanden gekommen. Deswegen immer wieder: HASS, HASS, HASS auf alles und jeden, der das kaputtmacht, was wir lieben!
Eure weiteren Ausführungen werten wir als Denunzierungsversuch, der anmaßend ist und von uns als klare Provokation, Bedrohung und ÖFFENTLICHE Anfeindung wahrgenommen wird. Wieder ein Indiz für euer entpolitisiertes Selbstverständnis. Das, was ihr anprangert und angeblich zu kurz kommt (Stichwort: Nazis in anderen Stadtteilen) läuft seit geraumer Zeit und ist soweit auch bekannt und nichts neues. Stellt euch selbst die Frage warum das Conne Island kein ernstzunehmender Partner im antifaschistischen Kampf ist! Traurigerweise verzweifelt ihr an der Frage für wen im Kiez Platz ist, also wem der Kiez gehört. Aber weil wir uns in unserem „Selbstdarstellungswahn“ so angegriffen fühlen, erklären wir es euch natürlich sehr gerne noch einmal: Wir möchten keine Nazis in unserem Kiez, auch Alltagsrassisten, Bullen und erzbürgerliche Subjekte können gerne fernbleiben. Hinzu wollen wir keine „Kiezkiller“, die durch profitorientiertes Vorgehen unser Viertel anpassen, befrieden, kurz: kaputtmachen wollen. Da ihr mittlerweile ähnliche Züge tragt wie ebensolche und immer wieder, wie z.B. durch euren letzten denunzierenden Text, diesen Fakt bestätigt, macht ihr euch nicht zu Freunden, sondern zu Feinden.
Wenn es euch in Connewitz nicht mehr gefällt, unterbreiten wir euch einen Vorschlag: Zieht euren Verein in der Provinz auf. Vielleicht könnt ihr euch dann rückbesinnen und erinnert euch, wofür ihr einst standet, was ihr längst verraten habt. Eins ist sicher: Ihr und alle anderen, die offensiv Connewitz kaputtmachen und darüber hinaus denunzieren, hetzen (ihr habt BILD-Niveau erreicht!) werden von uns aufmerksam beobachtet. So sehr ihr es euch auch wünscht- ganz im Sinne eurer Politik- wir lassen uns nicht vertreiben! Weder von euch, noch von Bullen, noch von profitgeilen Immobilienfirmen! Wir lassen, und das betonen wir für euch nochmal, keine ÖFFENTLICHE Denunzierung von linksradikalen Strukturen und Personenzusammenhänge zu! Geht zum Verfassungsschutz, denn da seid ihr aktuell besser aufgehoben als in Connewitz und könnt bei euren Kollegen ebenfalls mit Unwissenheit strotzen!
Im übrigen lehnen wir eure Einladung, bei einem eurer Plena beizuwohnen, dankend ab. Mit Denunzianten und Hetzern möchten wir weder eine Diskussion führen, zumal wir glauben, dass es nichts ändert, noch wollen wir uns nicht für euch erkenntlich und somit angreifbar machen. Wir lieben unsere Annonymität, also nutzen wir sie auch!
Stadtteilkampf ist Klassenkampf!

Neben dem erwarteten CI-Bashing wird im Text deutlich, worum es den Degentrifizierern geht: Heimatschutz und die Autorität im Kiez. „Unkommerzielle Freiräume“ statt „hippen, trendigen, teuren und apolitische Locations für Yuppies, die sich alternativ fühlen“ werden gefordert. Hier wird auch klar, warum sich scheinbar kaum jemand für Kämpfe in anderen Stadtteilen interessiert. Oder wurde sich mit den Bewohnern und Ladeninhabern der Windmühlenstrasse solidarisiert? Als Künstler etc. werden sie vermutlich, wie das Conne Island, als Teil des Gentrifizierungsproblems gesehen, diese Yuppies. Lieber schmort man im eigenen Saft und arbeitet sich an unbewohnten, renovierten Häusern ab, statt den Blick einmal über den Tellerrand hinaus zu richten und dann vielleicht Menschen zu entdecken, die tatsächlich verdrängt werden.

Luxus für alle statt Kultivierung von Armut und Verfall

Edit: Selbst der neue Eigentümer des Hauses in der Windmühlenstrasse eignet sich nicht als Feindbild gegen Stadtteilaufwertung, wie hier im Interview zu lesen. In Leipzig existiert das Problem Gentrifizierung nicht in der Form, in der es manche wohl gerne hätten, um ihren Militanzfetisch auszuleben.


3 Antworten auf „Gentrifidingsda in Leipzig“


  1. 1 einkesselbuntes 30. November 2011 um 15:26 Uhr

    Ein neuer Beitrag zur Debatte von der Gruppe Contrecœur im Cee Ieh:

    http://www.conne-island.de/nf/191/3.html

  2. 2 einkesselbuntes 07. Februar 2012 um 17:20 Uhr

    Ein Radiobeitrag zur Veranstaltung „Disneyland des Unperfekten“ am 31.01.2012 im Conne Island:

    http://freie-radios.net/46184

  1. 1 Feindbildpflege 2011 « tee Pingback am 16. November 2011 um 17:18 Uhr
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